Beispiel für ein Thesenpapier für eine mündliche Prüfung in einer modulbezogenen Vertiefung. Für mündliche Prüfungen mit zwei Themen (Vordiplom- und Diplomprüüfungen) können zwei separate oder ein gegliedertes Thesenpapier erstellt werden.
Referentin: Marianne Mustermann
Matrikelnummer: 1234567
Seminar: Vertiefung im Modul „Personen- und gruppenbezogene Differenzkonstruktionen“
Belegnummer: 250001
Semester: Sommersemester 2012
Thema: Die Abwertung von „ökonomischen Minderleistern“
Inwiefern führt die Ökonomisierung des Sozialen zu einer Abwertung von „ökonomischen Minderleistern“?
Einleitung
„Diese Fremdlinge im eigenen Land werden zur ernsten Gefahr für die Demokratie“ (Chassé 2010: 18), so wurde Gabor Steingart 2006 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel zitiert. Mit den „Fremdlingen“ ist die so genannte neue Unterschicht gemeint, insbesondere also Langzeitarbeitslose. Die Diskriminierung in diesem Satz ist offensichtlich; es wird deutlich zwischen Eigen- und Fremdgruppe unterschieden. Doch woher stammt dieses Ressentiment einer ganzen Gruppe von Menschen gegenüber?
Theoretische Verordnung: Kategorisierung, Stereotypisierung, Vorurteile, Diskriminierung
1. These: Menschen kategorisieren, da dies einen Ordnungsrahmen liefert, komplexe soziale Umwelten vereinfacht und eine effiziente Art der Informationsverarbeitung darstellt (vgl. Klauer 2008).
2. These: Die Aktivierung von Stereotypen erfolgt häufig automatisch, stereotypes Urteilen allerdings nicht (vgl. Schmid Mast/Krings 2008).
3. These: Vorurteile„schaffen ein‚Wir’-Gefühl“,„dienen der Selbstwerterhaltung und -steigerung“, „bieten Kontrolle, [...] legitimieren Hierarchien“, und „bieten ‚Wissen’ und ‚Orientierung’“ (Zick et al. 2011: 37-39).
Ökonomisierung des Sozialen
4. These: Ökonomisches Kalkül bestimmt mehr und mehr auch das soziale Zusammenleben (vgl. Mansel/Endrikat 2007, Heitmeyer/Endrikat 2008).
Abwertung von „ökonomischen Minderleistern“
5. These: InsbesondereLangzeitarbeitslose,aber auch Obdachlose, Menschen mit Behinderungen und MigrantInnen werden vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ökonomisierung abgewertet, da sie keinen „gesellschaftlichen Nutzen“ bringen (vgl. Mansel/Endrikat 2007).
6. These: Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen nimmt mit sinkender Soziallage zu(vgl. Heitmeyer/Endrikat 2008), allerdings kann „eine ökonomisierte Gesellschaft auch ein Nährboden für elitär motivierte Menschenfeindlichkeit sein“ (Gross et al. 2010: 152).
Stellungnahme
Die zunehmende Ökonomisierung in sozialen Bereichen führt zu Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen und bietet Grundlage für eine „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ (Mansel/Endrikat 2007: 167). Es kommt zum Verlust von Moral und zu dauerhaften Desintegrationsängsten, was einer anzustrebenden Solidargemeinschaft entgegen steht. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, ist zum einen ein politischer Wandel notwendig. Zum anderen geht Vorurteilen und Diskriminierung immer auch ein Wissensmangel voraus. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, in der Bevölkerung für eine stärkere Aufklärung über diese Themen zu sorgen.
Literatur
Chassé, Karl August: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010.
Gross, Eva; Gundlach, Julia; Heitmeyer, Wilhelm: Die Ökonomisierung der Gesellschaft. Ein Nährboden für Menschenfeindlichkeit in oberen Status- und Einkommensgruppen. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 9. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2010, S. 138-157.
Heitmeyer, Wilhelm; Endrikat, Kirsten: Die Ökonomisierung des Sozialen. Folgen für „Über- flüssige“ und „Nutzlose“. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 55-72.
Klauer, Karl Christoph: Soziale Kategorisierung und Stereotypisierung. In: Petersen, Lars-Eric; Six, Bernd (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Weinheim: Beltz PVU, 2008, S. 23-32.
Mansel, Jürgen; Endrikat, Kirsten: Die Abwertung von „Überflüssigen“ und „Nutzlosen“ als Folge der Ökonomisierung der Lebenswelt. Langzeitarbeitslose, Behinderte und Obdachlose als Störfaktor. In: Soziale Probleme, 18, 2007, S. 163-185.
Schmid Mast, Marianne; Krings, Franciska: Stereotype und Informationsverarbeitung. In: Pe- tersen, Lars-Eric; Six, Bernd (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Weinheim: Beltz PVU, 2008, S. 33-44.
Zick, Andreas; Küpper, Beate; Hövermann, Andreas: Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2011.